Klosterinsel Reichenau
Reichenau, Deutschland
07.04.2017
Die Klosterinsel Reichenau, eingebettet im malerischen Bodensee, ist ein außergewöhnliches Zeugnis frühmittelalterlicher Klosterkultur und seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. Ihre Bedeutung als spirituelles, intellektuelles und künstlerisches Zentrum in karolingischer und ottonischer Zeit war immens und prägte Europa maßgeblich.
Die Anfänge und Blütezeit
Die Geschichte der Insel als bedeutender geistlicher Ort begann im Jahr 724, als der Wanderbischof Pirmin das Benediktinerkloster Reichenau gründete. Strategisch günstig an den Handelswegen gelegen, entwickelte sich das Kloster rasch zu einem der einflussreichsten geistigen Zentren des Reiches. Unter Äbten wie Waldo, der auch eine wichtige Rolle im Umfeld Karls des Großen spielte, erlebte die Abtei einen ersten Aufschwung. In dieser Zeit entstanden bedeutende Bauwerke und eine reiche Bibliothek, die Gelehrte aus ganz Europa anzog.
Ein Hort des Wissens und der Kunst
Besonders die ottonische Zeit markierte den Höhepunkt der klösterlichen Kultur auf der Reichenau. Gelehrte wie Walahfrid Strabo, der als Abt nicht nur Dichter und Botaniker war, sondern auch eine wichtige Rolle in der Wissenschaft seiner Zeit spielte, machten die Insel zu einem Leuchtturm des Wissens. Hier wurden nicht nur alte Schriften bewahrt und kopiert, sondern auch neue Werke geschaffen. Die berühmte Reichenauer Malschule produzierte zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert kostbare Handschriften, deren prachtvolle Buchmalereien, wie die der Ottonischen Reichenauer Evangeliare, zu den Meisterwerken der abendländischen Kunst zählen. Diese Werke sind ein herausragendes Beispiel für die Ottonische Renaissance. Auch der Universalgelehrte Hermann der Lahme, ein Mönch der Reichenau, trug mit seinen Schriften in Astronomie, Mathematik und Musik zur kulturellen Blüte bei.
Architektonische Zeugnisse
Noch heute zeugen drei romanische Kirchen von der einstigen Größe des Klosters: Das Münster St. Maria und Markus, die ehemalige Klosterkirche, beeindruckt mit seiner Architektur aus verschiedenen Epochen. Die Georgskirche in Oberzell ist berühmt für ihre karolingischen Wandmalereien, die biblische Szenen zeigen und zu den besterhaltenen ihrer Art nördlich der Alpen gehören. Die dritte Kirche, St. Peter und Paul in Niederzell, rundet das Ensemble ab und bietet weitere Einblicke in die klösterliche Baukunst. Obwohl das Kloster im Spätmittelalter an Bedeutung verlor und schließlich 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst wurde, bleiben seine Kirchen und die einzigartige Kulturlandschaft als ein unschätzbares Erbe erhalten.
Weiterführende Links
Das Kloster Reichenau (lateinisch Monasterium Augiense) war eine Benediktinerabtei in Mittelzell auf der Insel Reichenau im Bodensee. Es wurde 724 von Pirminius gegründet und war ab 1540 ein Priorat des Konstanzer Bischofs. Es zählt neben der mit der Reichenau in regem geistigen Kontakt stehenden Fürstabtei St. Gallen und dem Kloster Fulda zu den bedeutendsten Klöstern der karolingischen Zeit. 1757 wurde das Kloster aufgehoben, 1803 verließen die letzten Mönche die Insel. Heute befindet sich im Klostergebäude das Rathaus der Gemeinde Reichenau (Landkreis Konstanz), die ehemalige Klosterkirche ist heute das Münster St. Maria und Markus – im April 2024 wurde es von Papst Franziskus anlässlich des 1300-jährigen Jubiläums zur Basilica minor erhoben.
Seit 2001 lebt nach 250 Jahren wieder eine kleine Gemeinschaft von Benediktinern auf der Insel.
2003 wurden zehn Hauptwerke der Reichenauer Handschriften als „kulturgeschichtlich einzigartige Dokumente, die exemplarisch das kollektive Gedächtnis der Menschheit repräsentieren“, zum UNESCO-Weltdokumentenerbe hinzugefügt.
Zum 1300-jährigen Jubiläum des Klosters im Jahr 2024 zeigte die „Große Landesausstellung Baden-Württemberg“ unter dem Titel Welterbe des Mittelalters vom April bis Oktober des Jahres Handschriften und weitere Zeugnisse von der Insel im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz am Bodensee sowie auf der Insel selbst. Für das Reichenauer Münster hat eine Bürger-Projektgruppe in Fortsetzung des Reichenauer „Verbrüderungsbuches“ von 824 das „Reichenauer Buch der Verbundenheit 2024“ geschaffen.